The Cloud
22-02-2010 | DE | Scene Ungarn in NRW | Béla B. Jász-Freit
SPACE: “THE CLOUD”
Man muss sich darauf einlassen. Wollen Sie? Bitteschön, sehr gerne:
Als allererstes müssen Sie sich bewusst machen, dass sie, wenn sie den Raum im FFT/ Juta betreten, genau dort landen, wo Sie vorher auch schon waren: Im Jahre 2060. Das sollten Sie ebenso wenig vergessen, wie die Tatsache, dass es sich hier nicht etwa um ein Theater handelt, sondern um das Museum der Zukunft, das für diesen Zweck natürlich zum Museum der Vergangenheit, genauer des Jahres 2010 (also dem Jahr der Entstehung der «Cloud» und somit dem Beginn des großen Umbruchs) umfunktioniert wurde, um diesem großen Moment der Menschheitsgeschichte zu gedenken.
Sie sind verwirrt? Eigentlich ist es ganz einfach. Seit es die «Cloud» gibt, diese alle Menschen umfassende, allwissende Wolke, genährt mit den Gefühlen, Gedanken und Empfindungen aller sieben Milliarden Weltbürger, sind fünfzig Jahre vergangen. Wir wagen sowohl den Blick als auch den Schritt in die Vergangenheit und erleben eine perfekte Nachbildung Düsseldorfs des Jahres 2010. Nachdem wir etwas über die Verhaltens- und Lebensweisen der Menschen von damals erfahren haben, aufgezeigt an Bildern und einer Musterwohnung, dem «Showhome 2010», werden wir Rezipienten mittels kabelloser Kopfhörer an die «Cloud», sowie die «Guides» angedockt und dürfen uns auf den virtuellen Rundgang begeben. Dabei werden Jahrtausende alte philosophische Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens ebenso verarbeitet und angesprochen wie moderne Phänomene des Internets, der Vernetzung, der Bedeutung von Communities, Midlife-Crisis und dem all- und übermächtigen TV, welches, wie gesagt wird, die Menschen in seiner Nicht-Kreativität dazu gebracht hatte, durchschnittlich 14 Jahre ihres Lebens vor ihm zu verbringen.
«The Cloud» der ungarisch- niederländischen Künstlerformation «Space», welche bereits mit «The Place Where We Belong» von sich reden gemacht hatte, erfordert vor allem eines: Sich darauf einzulassen. Wenn aber man dies erst einmal getan hat, so bieten einem Petra Ardai, Luc van Loo und Lee Yang vieles von dem, was Performance-Theater an Möglichkeiten zusteht und mehr als man vielleicht erwartet hätte. Denn dass letztendlich jeder der zahlreichen Zuschauer sich so sehr mitreißen ließ, zeugte nicht nur von der Erwiderung des Charmes der Protagonisten, sondern vielmehr von der Begeisterung an Neuem, Experimentierfreudigkeit, Begeisterung an den dargebotenen Fragestellungen und die durch die doppelte Reversion hervorgerufene Möglichkeit, seine Umgebung distanziert wie differenziert wahrnehmen zu können und sich vielleicht erneut die Frage ins Gedächtnis zu rufen, ob man – als Teil eines Ganzen – nicht doch in der Lage ist, etwas an der jetzigen Situation zu ändern. Denn egal wie tröstlich es ist, dass die Vision des Jahres 2060 von «Space» im Laufe der nächsten 50 Jahre sicherlich noch viele Abänderungen erfahren wird, und ganz gleich wie niederschmetternd die Essenz des Stücks daherkommen mag, nämlich, dass in der Zukunft alles sehr viel besser sei und somit das Heute, in dem wir nun einmal verweilen, nach «Space» fast gleichzusetzen ist mit allem Schlechten, über das mit einem abtuenden Schmunzeln geredet wird, bleibt dennoch viel für jeden über an diesem Abend der zeitbeschleunigenden Ereignisse, und sei es ein anregendes Gespräch mit den Künstlern bei einem reichhaltigen Catering. Ein in seiner Aussagekraft opulentes Stück, hervorragend inszeniert, multilingual und –kulturell (Englisch, Deutsch, Chinesisch, Ungarisch), musikalisch wertvoll und überaus performativ. «The Cloud» lässt uns träumen, nachdenken, aufwachen. Ob in 2060 oder 2010 bleibt fast Ihnen überlassen.
