The Cloud
28-04-2010 | DE| General Anzeige | Hans-Christoph Zimmermann
"The Space" blickt aus der Zukunft auf die Bonner Gegenwart zurück
Von Hans-Christoph Zimmermann
Bonn. Es waren die apokalyptischen Todsünden, die uns das Leben schwer machten. Geldgier, Selbstbezogenheit, innere Leere, Konsum, Ängste, all diese spätkapitalistischen Mentalscharteken. Doch das war damals, 2010.
Li Yang schlängelt sich in dem Stück "The Cloud" durch eine stilisierte Möbellandschaft. Foto: Theater im Ballsaal
Heute dagegen, 50 Jahre später, leben wir im Paradies der emotionalen Sublimation, in der die Kommunikation totaler ist, als wir uns je träumen ließen. Zu verdanken haben wir das dem weltumspannenden Phänomen der Wolke.
Im Rahmen von "Scene Ungarn in NRW" gastierte die niederländisch-ungarische Truppe Space im Theater im Ballsaal. Ihr Stück "The Cloud" nimmt sich das sogenannte "Cloud computing" zum Vorbild für eine Ethnographie der Gegenwart aus dem Geist einer totalitären Netzwerkgesellschaft im Jahr 2060.
Die Zuschauer werden dabei zu Besuchern eines Museums, das sich einer Rekonstruktion der Kultur im Katastrophenjahr 2010 annimmt. In grauen stilisierten Anzügen versuchen Regisseurin Petra Ardai sowie die Schauspieler Luc van Loo und Li Yang das damalige Leben anhand eines stilisierten Betts, eines Herds oder einer Toilette zu imaginieren.
Nach einer knappen halben Stunde bricht die Truppe mit dem Publikum zu einem Rundgang durch Endenich auf, das als museale Rekonstruktion vorgestellt wird. Über Kopfhörer, die dem Zuschauer in den Augen der Endenicher Bürger den Status eines Fremden verleihen, wird detailliert der Niedergang der damaligen Zeit beschrieben. Am Kreisverkehr der Pastoratsgasse führen die Schauspieler kleine Interviews mit Passanten, Li Yang singt an St. Maria Magdalena eine Verdi-Arie.
Und je länger dem Zuschauer die Merkwürdigkeiten der Katastrophenzeit 2010 vorgeführt werden, desto mehr fühlt sich der Zuschauer ein in den Blick der Nachgeborenen und entfremdet sich so seiner eigenen Umgebung. Nach der Rückkehr ins Theater gab es dann Drinks und Snacks und einen Plausch über die Vorteile der Gegenwart der Zukunft. Ein verblüffender und irritierender Abend.
Photo: Arthur De Smidt

